Facebook will den Handel umkrempeln

Wir sollten Facebook (pixel)genau unter die Lupe nehmen.In der heutigen FTD gibt es ein spannendes mehrteiliges Portrait des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg. Erst 26 Jahre alt, entwickelt sich das ungelenke Wunderkind des Internets ganz offenkundig zum mediengewandten, knallharten Geschäftsmann, der den Handel umkrempeln will. Angesichts der Begeisterung, mit der Facebook und Social Commerce gerade in den Medien gefeiert werden, ist ihm viel Aufmerksamkeit sicher. Facebook will den Handel umkrempeln, doch muss der Handel mitmachen?

 

Der deutsche Leser wird sich in seinen Ängsten vor dem gläsernen Verbraucher bestärkt fühlen. Aufmerksam sollten aber auch alle Facebook-Nutzer werden, denn wenn man dort mal drin ist, kommt man auch nach Löschung des Kundenkontos kaum wieder raus. Das Internet vergisst nichts – und das gilt besonders für Facebook.

Zuckerberg will den Handel „social“ machen. Den Begriff benutzt er oft und gern, und nicht immer ist klar, was er damit konkret meint. Empfehlungen von Internet-Freunden werden bei Kaufentscheidungen jedenfalls immer wichtiger. Und Zuckerbers neue Idee mit dem Namen „Deals“: Mithilfe eines Smartphones kann jeder Benutzer auf Facebook veröffentlichen, wo er sich gerade befindet. Wer sich auf diese Weise "eincheckt", etwa in einem Café, kann über „Deals“ eine kleine Belohnung bekommen, zum Beispiel seinen Kaffee zum halben Preis. Schon zwei Tage nach Zuckerbergs Präsentation verschenkt die  Bekleidungskette Gap Jeans an die ersten 10.000 Leute, die in einer ihrer Filialen einchecken.

Der FTD-Autor David Gelles zieht die richtigen Schlüse: „Facebook ist längst nicht mehr nur ein soziales Netzwerk, in dem sich Freunde gegenseitig über Wichtiges und Unwichtiges auf dem Laufenden halten, Fotos angucken und Spiele spielen. Das Netzwerk ist dabei, zum nicht mehr wegzudenkenden Kernelement des gesamten Interneterlebnisses zu werden. Facebook wird für die Menschen zur persönlichen Homepage, zum E-Mail-System und vielem mehr.“

Mehr als 500 Millionen aktive Nutzer hat das soziale Netzwerk Facebook inzwischen, der Umsatz wird in diesem Jahr voraussichtlich die Marke von 1,5 Mrd. Dollar erreichen – vor allem durch Werbung. Bald weiß Facebook über uns so viel wie Google. Und dieses Wissen ist der Werbewirtschaft viele Dollars wert. Immer mehr Werbeagenturen entdecken Social Commerce, reden dem Handel ein, dass man hier unbedingt dabei sein muss. Das mag stimmen, aber die Partner sollte man sich sorgfältig aussuchen, denn das Handwerkszeug fürs Marketing in Sachen Web 2.0 und Social Media entsteht gerade erst.

Bei aller Euphorie sollte der Handel die guten alten kaufmännischen Tugenden nicht gleich über Bord werfen. Auch beim Marktauftritt mittels Facebook oder Twitter müssen Kosten und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Und auch wenn die Neuen Medien gerade boomen, bleibt doch ein Fakt bestehen: Richtig viel Geld haben die Neuen Alten – und ihre Zahlen steigen in den alternden westlichen Gesesllchaften. Die Neuen Alten – das sind Senioren, die ohne Internet groß geworden sind, die sich dem Web zwar langsam öffenen, aber nicht jeden Hype mitmachen.