Redaktion René Schellbach

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1.400 Kilometer mit em Rad am Pazifik von Astoria nach San Francisco


Von René Schellbach

Schlußpunkt und Höhepunkt: Die letzten Meter der Radtour über die Golden-Gate-Brücke sind ein großartiges Finale.  Foto: SchellbachDie Wirklichkeit ist großartiger als jeder Traum: Mit dem Rad über die Golden-Gate-Brücke fahren - das ist ein phantastisches Erlebnis. Nach 1.400 Strampel-Kilometern an der Küste von Oregon und Kalifornien haben wir San Francisco erreicht.

Oft liegt Nebel über Golden Gate, dem Goldenen Tor zur Bucht von San Francisco. Wir erleben das Finale bei strahlendem Wetter: Die roten Pfeiler der berühmten Brücke bilden einen starken Kontrast zum Tiefblau des Himmels.

Radreisen wie diese sind nicht mehr nur Globetrottern vorbehalten, die auf eigene Faust, beladen mit Zelt, Eßgeschirr und Schlafsack, unterwegs sind. Wir haben die Tour bei einem süddeutschen Spezialveran­stalter für Radreisen gebucht. Das Gepäck fährt im Begleitbus, die Hotels sind reserviert. Zweieinhalb Wochen dauert die Radfahrt von Astoria an der Nordgrenze Oregons am Pazifik entlang nach San Fran­cisco. Ein paar Tage Sightseeing in der hügelreichen Metropole am Gol­den Gate mit viel Zeit zur eigenen Verfügung runden die Sache ab.

Der Urlaub beginnt mit Schraubenschlüssel und Luftpumpe, man hilft sich gegenseitig. Die Reisegruppe, zehn Gäste und zwei Reiseleiter, lernt sich auf diese Weise ganz unkompliziert kennen. Alle haben die eigenen Räder im Flugzeug mitgebracht.

„Highway 101 South“. Das weiße Schild mit der schwarzen Schrift am Startpunkt an der Mündung des mächtigen, 1.953 Kilometer langen Colum­bia Rivers ist Programm für die Tour: Wir wollen nach Süden. Anfangs ist die 101 eine flache Straße mit gelb blühenden Sträuchern an den Rändern und mäßigem Verkehr. Besonders in Oregon sind die Autofahrer rücksichtsvoll. Die Einheimischen freuen sich über diese Leute, die eigens aus Germany kommen, um hier zu „biken“.

Die Route führt vorbei an zahllosen einsamen Fels- und Sandsträn­den, durch Wälder und Farmland. Oft geht es bergauf und bergab über Landzungen hinweg und ins Hinterland. Im Laufe der Tour werden 11.600 Höhenmeter bewältigt, doch die Radler sind keine Leistungssport­ler. Doris, die älteste Mitfahrerin, feiert unterwegs ihren 64. Geburtstag. Die Tagesetappen liegen zwischen 50 und 120 Kilometern.

Körperliche Leistung und Meeresluft machen hungrig. Die Küstenorte laden ein, die Spezialitäten des Meeres zu kosten. Die USA gelten zwar nicht als Heimat der Kochkunst, und mancher Fisch wird von Mayo, Pommes oder Cheddar-Käse erschlagen. Aber man kann auch Glück haben, zum Beispiel mit Thunfisch vom Holzkohlegrill. Je kleiner die Orte, je weniger Touristen, desto gemäßigter die Preise.

Manzanita, Coos Bay, Point Arena – viele Stationen sind selbst Amerikanern nicht geläufig. Reisebusse und Mietwagen-Touristen unterbrechen die Pazifikroute allenfalls für eine Übernachtung in Eureka mit seiner viktorianischen Altstadt. Wer jedoch selbst strampelt, erlebt die Landschaft, das Wetter, die Gerüche viel intensiver. Fotostops am Straßenrand sind oft kein Pro­blem. „Da freut sich der Agfa und der Kodak“, meint Arthur nach einer schweißtreibenden Steigung auf dem Aussichtspunkt am Cape Foulweather. Wir haben offenbar mehr Glück als Kapitän Cook, der es 1778 so banannt hatte. Tief unter den schroffen Felsen glänzt das Meer im Sonnenschein.

Südlich von Florence beginnen die ausgedehnten „Oregon Dunes“, Sandlandschaften wie in der Sahara. In Kalifornien stehen die Redwood-Bäume mit den Kronen im Nebel. Im trockenen kalifornischen Sommer sind die Bäume auf den Nebel als Wasserquelle angewiesen. Mit hoher Geschwindigkeit rasen riesige Langholzlaster, an uns vorbei: Die Trucks können immer nur fünf oder sechs Stücke der monumentalen Stämme fassen. Mit ihrer feuersichere Borke werden die Rotholzbäume über 100 Meter hoch und mehr als 2.000 Jahre alt. Voller Ehrfurcht strampeln wir durch die „Avenue of the Giants“, eine meilenlange Straße durch den Gigantenwald.

Dann wird der Highway 101 zum vierspurigen Freeway. Am Straßen­rand liegen Holzstücke, Getränkedosen, Scherben. Ein Dutzend platte Reifen gibt es auf der Tour. Ruhig wird es wieder ab Legett, wo mit einem enormen Anstieg die „California One“ beginnt, eine der Traumstraßen dieser Welt. Sie windet sich an der ausgefransten Küste entlang, auf und ab über zahllose Creeks, tief eingeschnittene Bäche, die nicht das ganze Jahr über Wasser führen.

Es bleibt Zeit für eigene Unternehmungen. Zum Beispiel Cape Blanco mit seinem Leuchtturm, das Pionier-Museum in Tillamook, die Abendstimmung am einsamen Strand. Zum Baden ist der Pazifik freilich viel zu kalt. Wir kommen nach Mendocino, das Hafenstädtchen aus der Hitparade mit pittoresken Holzhäusern, und zu dem ganz aus Holz gebauten Fort Ross, wo die Russen im 19. Jahrhundert 41 Kanonen stationierten, um so geschützt Getreide für ihre Besitzungen in Alaska anzubauen.

Die Spannung steigt. Hinter jeder Biegung erwarten wir San Francisco. Endlich! Am Aussichtspunkt vor der Brücke und der Skyline der Stadt kommen Agfa und Kodak nochmal voll zum Einsatz. Langsame und genüßlich überqueren wir schließlich die 2,1 Kilometer lange Golden Gate Bridge. Auf der anderen Seite wartet der Bus. In den Straßen von San Francisco herrscht das Auto.

 

Kölnische Rundschau und Bonner Rundschau vom 19. Oktober 1997

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